Passing und soziale Geschlechtsdysphorie

Auf Twitter erwähne ich immer mal wieder, dass ich eine trans Frau mit „Passing“ bin. Das bedeutet, dass ich im Alltag von meinem gesamten Umfeld auch als Frau wahrgenommen und behandelt werde – sowohl im privaten Kontext bei Menschen die mich schon lange kennen, als auch im öffentlichen Raum, wenn ich beispielsweise in einer Bäckerei Brötchen kaufe. Das Wort kommt vom englischen „to pass as (someone/something)“, was in etwas bedeutet „als (jemand/etwas) gelten/erkannt werden“.

Nun mögen manche Lesende mir dafür vielleicht gratulieren und meinen, dass damit nun alles schick für mich sei. Doch meine Gedanken und Gefühle zu dem Thema sind deutlich komplexer. Wenn man unter die Oberfläche schaut, verbirgt sich hinter dem Konzept des „Passings“ nämlich ganz viel, was der Akzeptanz von trans Personen in der Gesellschaft eher schadet als nützt.

Warum wollen wir „passen„?

Trans Personen leiden häufig unter körperlicher Geschlechtsdysphorie, also negativen Gefühlen darüber, dass der eigene Körper nicht mit der Vorstellung übereinstimmt, wie er nach Selbstwahrnehmung des eigenen Geschlechts sein sollte . Mindestens so wichtig ist allerdings etwas, was ich als soziale Geschlechtsdysphorie bezeichne: die negativen Gefühle darüber, von anderen Menschen (also in der Fremdwahrnehmung) nicht im eigenen Geschlecht behandelt und ernst genommen zu werden. Es ist möglich, sich als trans Person mit dem eigenen Körper vollständig oder weitgehend zufrieden zu fühlen, aber ganz massiv unter dieser sozialen Dysphorie zu leiden.

Ein Grund dafür ist, dass Geschlecht im Alltag an unglaublich vielen Stellen eine Rolle spielt. Es ist die Norm in unserer Gesellschaft, dass wir Menschen, denen wir begegnen, andauernd in die Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ stecken und uns unterschiedlich gegenüber diesen verhalten, z.B. indem wir sie unterschiedlich ansprechen. Die falsche Schublade zu wählen, kann dabei zu Irritationen führen oder bisweilen sehr verletzen.

Wenn eine Frau wie im obigen Beispiel der Bäckerei von einer Verkaufsperson mit „Was darf’s denn sein, der Herr?“ um ihre Bestellung gebeten wird, fühlt sich das wahrscheinlich nicht gut für sie an. Sie wird sich fragen, welcher Teil an ihr denn jetzt nach außen hin so „männlich“ wirkte. Wenn das häufiger passiert, wird sich die Frau wahrscheinlich sehr schlecht fühlen. Es ist nämlich auch eine ungeschriebene Regel der Gesellschaft, dass Frauen nicht „männlich“ wirken sollen und Männer nicht „weiblich“ – damit geht ein niedrigerer sozialer Status einher, es wird als ein Makel der Person angesehen.

Nicht im eigenen Geschlecht zu passen, ist wahrscheinlich den meisten Menschen unangenehm.1Ich weiß immer nicht, ob Menschen die das nicht selbst erlebt haben das überhaupt nachvollziehen können. Wenn dir das schwer fällt, kannst du versuchen dir auszumalen, dass du morgen im gleichen Körper wie immer aufwachst, aber ab da konsequent in einem falschen Geschlecht behandelt und angeredet würdest und das über Jahre hinweg so läuft. Klingt nicht so nett, oder? Dafür ist übrigens völlig egal, ob die Person cis oder trans ist. Aber ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass trans Personen diese unangenehmen Situationen deutlich häufiger erleben. Sie werden an einem einzigen Tag dutzende Male merkbar falsch einsortiert, und das oftmals über Jahre hinweg.

Die Motivation, dagegen etwas zu unternehmen, ist entsprechend groß. Der verbreitete Ansatz zur Lösung dieses Problems ist, durch weitreichende äußerlich sichtbare Maßnahmen die eigene Außenwirkung radikal zu verändern. Das hat sehr wenig mit den in den Medien immer reißerisch diskutierten Genital-OPs zu tun, denn von deinen Genitalien sollte in der Bäckerei idealerweise niemand etwas mitbekommen. Die wichtigsten äußerlichen Merkmale, anhand derer Menschen auf die beiden Schubladen verteilt werden, sind meiner persönlichen Erfahrung nach bei Erwachsenen Bart und Brüste, dicht darauf die Stimme und mit etwas Abstand gefolgt von Haarschnitt, Kleidung und der leider nicht beeinflussbaren Körpergröße. Da die ersten drei Aspekte sich erst in der Pubertät herausbilden bzw. ausdifferenzieren, fallen sie bei der Einteilung von jüngeren Kindern quasi vollständig weg, was das Passing für sie sehr viel einfacher änderbar macht.

Meine Passing-Geschichte

Mein Passing hat sich im Laufe meines Lebens mehrfach fundamental verändert. Auf ganz alten Kinderfotos lese ich mich selbst als Junge – Kurzhaarschnitt, Latzhose, alles völlig eindeutig. In der dritten oder vierten Klasse bekam ich aber den Wunsch, meine Haare lang wachsen zu lassen. Infolgedessen wurde ich von Fremden relativ konsequent für ein Mädchen gehalten, bekam also weibliches Passing. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das für mich sehr unangenehm war – damals war ich aber halt noch davon überzeugt, selbstverständlich ein Junge zu sein, aber ich sah wirklich nicht wie einer aus.2Anekdote: Als ich mit 17 mal Fotos von Familientreffen aus der Zeit sah, fragte ich erstaunt: „Wo auf dem Bild bin denn eigentlich ich – und wer ist das Mädchen da?“. Das Mädchen war natürlich ich. Mit dem Wechsel aufs Gynmnasium waren meine neuen Klassenkamerad*innen völlig verwirrt von meinem Geschlecht – ich wurde dauernd gefragt „Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ Auch nachdem ich mich als Junge positioniert hatte, blieb mein Geschlecht ein häufiger Diskussionpunkt. Mein nicht geschlechtskonformes Aussehen reichte einigen anderen Kindern als willkommener Vorwand, mich zu mobben.

Das hörte erst mit 13 oder 14 wirklich auf, als mein Passing plötzlich von „Mädchen“ zu „Metalhead“ wechselte – plötzlich entdeckten nämlich ausgerechnet meine ehemaligen Mobber3Kein generisches Maskulinum, es waren ausnahmslos Jungs Bands wie Metallica und fanden es nun total männlich und cool, lange Haare und Röcke (naja… Kilts) zu tragen. Ich fühle mich immer noch leicht verarscht davon, dass ich denen nicht als Trendsetterin galt… 😅

Parallel dazu begann meine Pubertät und lieferte mir mit dem erneuten „Gewinn“ eines Passings als Junge eine ordentliche Portion körperliche Dysphorie. Erst rund zehn Jahre später war ich dann soweit, mir mein trans sein einzugestehen. Durch das Tragen von Kleidern, Nagellack, Ohrringen und Makeup änderte sich noch nicht so viel an meinem Passing, durch spätere Laser-Epilation und schließlich Hormontherapie dagegen offenbar eine ganze Menge. Ich kann keinen genauen Zeitpunkt nennen, ab dem ich wieder überwiegend weiblich wahrgenommen wurde. Aber es ist nun irgendwie so. Krass!

Das hat definitiv mein Leben einfacher gemacht, es hat mir ermöglicht über mein trans sein gar nicht mehr dauernd nachdenken zu müssen, sondern einfach völlig selbstverständlich als Frau leben zu können. Eine ganze Weile lang fand ich das einfach nur gut. Aber dann kamen mir auch gewisse Zweifel, die ich in den folgenden Abschnitten ausführen möchte.

Will ich mich für andere ändern?

Eine geschlechtliche Transition darf man sich nicht – wie häufig von den Medien dargestellt – wie einen festgelegten Weg vorstellen, auf dem nacheinander verschiedene Stationen wie Wechsel der Kleidung, Hormontherapie und schließlich irgendwann Genital-OPs abgearbeitet werden, die die Transition dann irgendwann abschließen und komplettieren. Das ist großer Quark, sind Transitionswege doch so vielfältig wie trans Personen selbst.

Ja: Manche von uns leiden massiv unter körperlicher Geschlechtsdysphorie, wünschen sich von Anfang an das „volle Programm“ und ziehen das so schnell wie möglich Schritt für Schritt durch. Aber andere empfinden gar keine oder nur wenig davon, und wollen eigentlich wenig bis überhaupt nichts an sich selbst ändern. Für sie würde es völlig ausreichen, von anderen in ihrem Geschlecht angenommen zu werden und keine soziale Geschlechtsdysphorie mehr zu empfinden.

Natürlich könnten auch sie ihr Erscheinungbild verändern, um ein besseres Passing zu erreichen. Aber massive, teils medizinische Veränderungen eingehen, nur damit andere mich eher so sehen, wie ich von ihnen gesehen werden will? Eine Laserepilation ist schmerzhaft und teuer, eine Mastektomie eine im Wortsinn einschneidende chirurgische Maßnahme. Für mich klingt es falsch oder sogar regelrecht erpresserisch, wenn die Gesellschaft von uns trans Personen als Preis für so etwas Banales wie die korrekte Anrede gewissermaßen erwartet, dass wir uns und unsere Körper entsprechend stereotyper Geschlechternormen anpassen.

Dahinter steckt eine Individualisierung von trans sein, wie wir es auch in den häufigen cis-Beschreibungen als ein „im falschen Körper stecken“ kennen. Als falsch wird nicht eine Gesellschaft begriffen, die alle Menschen mit Geschlechterstereotypen zur Anpassung und Unterwerfung zwingt – stattdessen wird der Fehler bei den trans Personen selbst gesehen, in ihren Körpern, in ihrem Aussehen. Hiermit wird eben verschleiert, dass ein Großteil des Leids und der Diskriminierung von trans Personen überhaupt nichts mit unseren Körpern zu tun hat.

Mein heimisches Makeup-Tischchen mit zugeklapptem Spiegel, an dem verschiedene Accessoires hängen.

Es ist für uns selbst darum gar nicht so einfach zu erkennen, ob wir eine Maßnahme wollen, um in Körper und Aussehen bloß mehr dem authentischen Selbst zu entsprechen, das wir in uns spüren… oder ob auch ein signfikanter Teil dem Wunsch nach Passing entspricht und wir vor dem gesellschaftlichen Druck einknicken. Selbst viele cis Menschen wissen schon beim Auftragen von Makeup nicht, ob sie das eigentlich für sich selbst oder eher für andere machen – das wird bei Transitionsmaßnahmen nicht einfacher.

Eine nicht-körperliche Transitionsmaßnahme wird übrigens regelmäßig nur für andere Menschen durchgeführt, und zwar die Namens- und Personenstandsänderung (NÄ/PÄ), über die ich hier bereits geschrieben habe. Sie dient einzig zur Vermeidung sozialer Dysphorie, denn trans Personen brauchen ja nicht erst die staatliche Zustimmung, um sich selbst in ihrem neuen Namen und Geschlecht zu begreifen und wohl zu fühlen. Nur die cis Gesellschaft weigert sich ohne diese Maßnahmen andauernd, diese zu akzeptieren.

Passing ist nicht für alle erreichbar

Dass ich nun offenbar ein gutes Passing habe und meine soziale Dysphorie darüber parallel verschwunden ist, ist reine Glückssache. Ob beispielsweise eine Laserepilation überhaupt möglich ist (funktioniert nur bei eher heller Haut und dunklen Haaren), oder wie groß Brüste unter Einfluss von Hormontherapie wachsen, bestimmt vor allem die genetische Lotterie. Es gibt trans Frauen, die am gesamten Körper stark behaart sind und die für ein weibliches Passing mehr als hundertmal so viele Epilations-Schmerzen ertragen müssen wie ich. Und manche Aspekte des Körpers lassen sich überhaupt nicht beeinflussen. Dass ich mit meinen 1,65cm, zarten Händen und Schuhgröße 38 eher den weiblichen als den männlichen Stereotypen entspreche, ist zu absolut null Prozent mein Verdienst.

Dazu kommt, dass fast alle diese Dinge riesige Mengen Geld kosten und viele Maßnahmen von den Krankenkassen entweder gar nicht bezahlt werden oder erst nach vielen Jahren gerichtlicher Auseinandersetzungen. Dass ich mal eben 1500 Euro von meinem Ersparten in die permanente Entfernung meines Bartwuchses investieren konnte, hat viel mit meinen finanziellen Privilegien zu tun. Manche Personen können eine NÄ/PÄ überhaupt nicht durchführen lassen, weil ihnen entweder das Geld dafür fehlt oder sie beispielsweise keine deutschen Staatsbürger*innen sind.

Eine Transition durchzuziehen, begreifen trans Personen häufig auch als eine eigene Leistung, und irgendwo ist sie das auch. Es kostet ja auch so viel Zeit und Energie und Resourcen, und uns wird von der Gesellschaft durch die Individualisierung von trans sein als persönliches Problem ja auch nahegelegt, dass wir uns die gesellschaftliche Akzeptanz gewissermaßen „erarbeiten“ können. Ich glaube dennoch, dass es eine Falle und angesichts obiger Tatsachen einfach unsolidarisch ist, das eigene Passing überwiegend so zu verstehen. Es ist und bleibt vor allem Glück, ob dieses Ergebnis überhaupt erreichbar ist.

Ich kann zudem null vorhersehen, dass mein Passing dauerhaft weiblich bleiben wird. Wie jeder Mensch werde ich mit den Jahren altern und die damit einhergehenden Prozesse haben potenziell einen großen Einfluss darauf, wie sehr ich weiblichen Stereotypen entsprechen kann. Haarausfall ist beispielsweise ein Thema, was auch vielen cis Frauen (z.B. in den Wechseljahren, oder nach einer Chemotherapie) zu schaffen macht. Auch abseits solcher konkreter Ereignisse erschiene es mir nach dem Hin- und Her in meiner oben beschriebenen Passing-Geschichte irgendwie naiv, wenn ich nun davon ausginge, dass sich mein Passing nicht wieder verändern könnte.

Passing ist sehr binär

Das ist eine spezielle Form der Nicht-Erreichbarkeit von Passing. Wie zu Beginn dieses Beitrags erklärt, entsteht das komplette Konzept des Passings erst aus der Angewohnheit der meisten Menschen, ständig jedes Gegenüber entweder in die Schublade „männlich“ oder „weiblich“ zu stecken. Solange das so ist, haben nichtbinäre Personen oftmals gar keine Chance, jemals ein Passing in ihrem Geschlecht zu erreichen – denn dafür müsste eine ihrem jeweiligen Geschlecht zugehörige Kategorie erstmal überhaupt existieren.

Durch das steigende Bewusstsein über nichtbinären Personen hat sich in manchen Kreisen vielleicht tatsächlich eine solche Kategorie gebildet – mit dem Stereotyp schlanken, androgynen Aussehens. Man muss dazu nur einmal gucken, wer auf Instagram in Hashtags wie #nonbinary die meisten Likes bekommt oder mit welchen Models „nichtbinäre“ oder „geschlechtsneutrale“ Klamotten vermarktet werden. Ich finde das ja durchaus eine nette Ästhetik, aber ein Gewinn für die geschlechtliche Emanzipation ist einfach eine dritte Kategorie aufmachen eher nicht. Viele nichtbinäre Personen empfinden es daher derzeit eher als eine Art nichtbinäres Passing, wenn andere Menschen unsicher sind, wo sie sie einsortieren sollen – wenn sie die Schubladen in den Köpfen erfolgreich über ihre geschlechtliche Einordnung verwirren.

Es gibt sehr viele verschiedene nichtbinäre Geschlechter, und wie Menschen die verschiedenen Labels begreifen, ist nochmal hochgradig individuell. Genauso, wie Männlichkeit und Weiblichkeit dann doch sehr verschieden und individuell ausgedrückt und gelebt wird. Das Lesen von außen kann das Geschlecht anderer Menschen niemals erfassen, jeder Versuch ist zum Scheitern verurteilt. Du kannst Menschen ihr Geschlecht eben nicht ansehen.

Passing ist cisnormativ

Als „cisnormativ“ bezeichne ich, wenn cis sein – also nicht trans sein – als höherwertiger gilt; wenn es als erstrebenswerte Norm gesetzt wird oder trans sein überhaupt nicht als Möglichkeit angenommen wird. Die Schubladen-Beurteilung basiert bei den meisten Menschen hierzulande auf einem cisnormativen Verständnis von Geschlecht, in dem dann eben beispielsweise für Frauen mit Bart, Männer mit Brüsten oder jegliche Art nichtbinärer Menschen entweder gar kein Platz ist, oder aber sie als minderwertig wahrgenommen werden.

Aus genau diesem Grund wird „Passing“ manchmal sogar ergänzend als „Cis Passing“ bezeichnet. Denn viele Menschen kennen die Unterscheidung in cis und trans gar nicht so richtig bzw. erwarten nicht, trans Personen in ihrem eigenen Umfeld anzutreffen. Wenn ich in der Öffentlichkeit als Frau passe, dann ist das also meist gleichbedeutend damit, dass ich für eine cis Frau gehalten werde.

Das ist mir besonders in einigen Interaktionen mit der Arbeitsagentur oder in Bewerbungsgesprächen aufgefallen, wo Menschen aufgrund meines Passings als Frau davon ausgingen, dass ich einen Uterus habe und selbst mit dem Löwenkind schwanger war. Im ersten Moment ist so etwas natürlich einerseits etwas belustigend, und hat andererseits sogar geschlechtliche Euphorie ausgelöst – was für ein positiveres Urteil könnte es für mich als trans Frau denn geben, als für eine cis Frau gehalten zu werden?

Wenn ich darüber nachdenke, finde ich das aber gar nicht so positiv. Ich möchte gerne als Frau angenommen werden, ja – aber doch nicht um den Preis, für etwas gehalten zu werden, was ich nicht bin (nämlich cis). Es schwingt dabei mit, dass cis weiblich zu sein als der Goldstandard für Weiblichkeit gilt, also ob cis Frauen die „echteren“ oder sogar einzig als existent mitgedachten Frauen wären. Dass trans Frauen nur eine schlechte Imitation dessen sein können. Das ist ein ziemlich beschissenes Bild von trans Personen, wenn ihr mich fragt!

Manche trans Personen leben stealth, also unsichtbar – das bedeutet, dass sie ihr trans sein ganz bewusst so geheim wie möglich halten. Ich finde das eine völlig legitime Überlebensstrategie, verfolge aber selbst einen sehr anderen Ansatz – einen von Offenheit mit meinem trans sein. Ich habe sogar ein großes Trans-Symbol auf meinen Unterarm tätowiert und möchte mein trans sein überhaupt nicht verstecken. Das ist aber gleichzeitig ein Balanceakt, denn ich will ja nicht jedem Menschen mein trans sein auf die Nase binden. Es ist einfach keine Information, die Menschen über mich zwingend wissen müssen. Ich erzähle Menschen ja auch nicht bei der ersten Interaktion mit ihnen, dass ich einen Bruder habe, denn diese Information ist für sie gar nicht relevant (oder sollte es zumindest nicht sein), selbst wenn es für mich persönlich und meine Lebensgeschichte natürlich sehr relevant ist.

Trotzdem bleibt für mich die Unsicherheit: Würde ich immer noch als Frau akzeptiert, wenn die Menschen die mich für eine cis Frau halten *wüssten*, dass ich eigentlich trans bin? Ich kann das nur für Menschen in meinem näheren Umfeld bejahen, aber die sind mir gegenüber auch grundsätzlich positiv eingestellt. Ich habe mich noch nie getraut, jemanden zu korrigieren, der mich für cis hält und bin mir unschlüssig, ob ich das tun sollte. Die Angst, dann plötzlich diskriminiert zu werden, ist größer als mein Unwohlsein darüber, für cis gehalten zu werden.

Als ich mich bei meiner Arbeitsstelle als trans geoutet habe, brachte ich zu meinem offiziellen Einstand als Frau einen stereotypen „Gender Reveal“-Kuchen mit, den Kitten für mich gebacken hatte. Außen blau, aber im Inneren komplett pink.

Was wäre eine echte Lösung?

Zum IDAHOBITA4Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-, Trans- und Ace/Aro-Feindlichkeit vor wenigen Tagen habe ich einen bewusst provokanten Tweet über eine bärtige trans Frau geteilt. Ich finde, dass Menschen aufgrund ihrer Außenwirkung ihr Geschlecht abzusprechen grundsätzlich transfeindlich ist. Ich will nicht nur die gesellschaftlichen Standards entsprechenden trans Personen mit Passing als positive Beispiel hervorheben – das würde meine eigenen Ziele torpedieren. Und ich möchte erreichen, dass Menschen sich eben nicht an den geschlechtlichen Stereotypen orientieren müssen, um akzeptiert und in ihrem Geschlecht für voll genommen zu werden – übrigens egal, ob sie cis oder trans sind.

Passing ist und bleibt damit ein zweischneidiges Schwert. Persönlich mag es mir gerade im Moment eine Schutzfunktion bieten, die ich dankend annehme und nutze. Ich gönne diese Möglichkeit wirklich jedem Menschen und möchte null problematisieren, wenn trans Personen ihr Passing für sich nutzen. Ich finde auch stealth zu leben völlig in Ordnung und nicht etwa „feige“ oder unsolidarisch.

Aber aufgrund der obigen Ausführungen kann und will ich mich nicht damit zufrieden geben, dass Passing die einzig verfügbare Lösung für soziale Geschlechtsdysphorie bleibt. Anstatt dieses individualisierten Ansatzes, der die Unterwerfung unter Geschlechterstereotypen verlangt5Wofür trans Personen dann wiederum gerne vorgeworfen wird, dass wir doch die Stereotype selbst aufrecht erhalten/stützen würden… liebe cis Personen, ihr lasst uns da bislang nicht so wirklich ne Wahl!, sind die Stereotypen an sich zu hinterfragen und in letzter Konsequenz abzuschaffen.

Ich fordere also nichts weniger als ein fundamentales Umdenken der gesamten Gesellschaft in Bezug auf Geschlecht. Anstatt Menschen von Außen in geschlechtliche Kategorien einzuteilen, sollten wir ihnen einfach zuhören, welches Geschlecht sie haben und dieses Geschlecht auch unkompliziert akzeptieren. Das bedeutet unter anderem die völlige Abschaffung des Personenstands als staatlich festgestellte Kategorie, die freie Möglichkeit zur Namensänderung und vor allem einen Umbau der Schubladen in unseren Köpfen.

Auch wenn das vielleicht im ersten Moment wie eine überdrehte Forderung aussieht, existiert dazu letztlich keine gangbare Alternative. Eigentlich ist es bloß eine logische Fortführung des urfeministischen Langzeitprojekts, die auf Geschlecht basierende Diskriminierung in der Gesellschaft zu bekämpfen. Anstatt aber nur die „Rosa-Hellblau-Falle“ zu beklagen, also festzustellen „Mädchen dürfen auch Fußball spielen und Jungs auch Ballett machen“, möchte ich grundsätzlich hinterfragen, dass wir Menschen überhaupt aufgrund äußerer Eindrücke einteilen.

Das fängt bei unserem Umgang mit dem Geschlecht von Kindern bereits an. Das Löwenkind ist jetzt fast drei, und wird von uns bislang völlig mit dem Thema Geschlecht in Ruhe gelassen. Wir wissen also auch nach Jahren noch nicht, ob unser Kind ein Junge, ein Mädchen, nichtbinär oder agender ist. Und das ist total entspannt bisher. Das Kind benötigt die geschlechtliche Zuweisung von außen nicht. Es kann sich frei und geschlechtsoffen entfalten.

Mir ist völlig bewusst, dass viele Menschen noch nicht „so weit“ sind – übrigens auch viele trans Personen nicht, die Schubladen haben wir zu einem gewissen Grad alle in unseren Köpfen, denke ich. Aber wir können sicherlich alle kleine Schritte machen, um dem langfristigen Ziel näher zu kommen. Für eine Welt, in der Geschlecht weniger gesellschaftliche Zwänge erzeugt und Menschen dennoch in ihrer ganz eigenen, vielfältigen Geschlechtlichkeit respektiert werden.