Ein Leben in Fülle

Seit vielen Monaten läuft es ziemlich rund bei uns. Wenngleich in unserem Alltag mit Lohnarbeit, der andauernden Schulsuche für Zauberrose usw. viele anstrengende und teils frustrierende Aspekte vertreten sind, geht es uns miteinander in der Familie schon seit langer Zeit ziemlich durchgehend gut.

Das war nicht immer so: gerade in unserer Anfangszeit als Familie nach der Geburt des Löwenkindes hatten wir es miteinander oft schwer. Johanna und ich mussten uns sowieso erstmal daran gewöhnen, was es bedeutet, Verantwortung für ein Kind zu tragen; währenddessen geriet ich mit Anna in tiefe Konflikte. Mehrfach fühlte es sich sehr wackelig an, ob wir dieses „gemeinsam Eltern sein“ noch hinbekommen würden.

In diesem Blogpost möchte ich über einige Aspekte sprechen, die uns zu einem funktionierenden und glücklichen Familienleben geführt haben. Zentral dafür ist eine Grundhaltung, die wir mit der Zeit gegenüber einander entwickelt haben, die unser positives Miteinander bestimmt:

Wir wollen einander schöne Erlebnisse und ein Leben in Fülle ermöglichen!

Angst und Verunsicherung

Als das Löwenkind im August 2017 geboren wurde, begann für Anna, Johanna und mich das echte gemeinsame Familienleben. Während die Zeit im Wochenbett noch überwiegend von Glücksgefühlen geprägt war, dauerte es nicht lang, bis sich deutliche Schwierigkeiten miteinander einstellten. Anna und ich hatten miteinander eine richtig schwierige Dynamik. Ich sah zu ihr als erfahrene Mutter auf, fühlte mich dadurch aber furchtbar unsicher und hatte wenig Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Ich hatte mir extra ein Jahr Elternzeit genommen, um mich intensiv mit diesem kleinen Kind beschäftigen zu können; gleichzeitig bereitete der Gedanke, mit meinem Baby über längere Zeit am Stück alleine zu sein, einen furchtbaren Stress. Ich geriet häufig in destruktive Gedanken wie „Ich schaffe das nicht, ich kann das nicht, ich bin eine schlechte Mutter“.

Das führte wiederum bei Anna zu einer großen Verunsicherung: ob ich meine Zusage, mich hälftig um dieses Kind zu kümmern, überhaupt einhalten würde? Ob ich sie am Ende gar mit diesem Kind überwiegend alleine lassen würde, wo ich doch immer wieder zeigte, wie schwer mir alles fiel? In Zauberroses erstem Lebensjahr hatte sie das schließlich mit deren Papa schon einmal so erlebt. Anna und ich zofften uns regelmäßig; derweil litt Johanna darunter, unsere Konflikte mitzubekommen und in sie hineingezogen zu werden. Überall lauerten Schuldgefühle und emotionale Löcher.

Zum Glück konnten wir diese Schwierigkeiten mit der Zeit überwinden und zu einer intakten Familie zusammenwachsen. Das hat viel emotionale Arbeit erfordert, die ich nicht im Detail auflisten könnte. Aber ich möchte euch ein paar Techniken vorstellen, die uns dabei geholfen haben.

Zwiegespräche

Johanna und ich verabredeten uns schon vor der Geburt des Löwenkinds regelmäßig einmal die Woche zu einem Zwiegespräch. Dabei nehmen wir uns eine Stunde Zeit füreinander und sprechen darüber, wie es uns selbst und vor allem miteinander geht. Aber nicht in Form eines Dialogs: es darf zunächst eine Person zehn Minuten lang sprechen – über welche Themen auch immer sie will. Während dieser 10 Minuten darf die andere Person nichts sagen – ihre Aufgabe ist es, sich rein aufs Zuhören zu fokussieren. Nach 10 Minuten bimmelt ein gestellter Timer und die Rollen werden getauscht. Dieser Wechsel passiert so oft, bis eine Stunde herum ist; jede Person spricht also 3×10 Minuten nur, und hört 3×10 Minuten lang nur zu.

Diese spezielle Gesprächsform hilft gerade in Konfliktsituationen ungemein, weil ausgeschlossen ist, sich gegenseitig ins Wort zu fallen oder anderweitig zu unterbrechen. Überhaupt muss das Gespräch kein Dialog werden – ich muss in meiner eigenen Redezeit nicht auf das eingehen, was mein Gegenüber in den letzten 10 Minuten gesagt hat. Der Fokus liegt also nicht auf einer Diskussion, wo es häufig ums Recht-haben oder Gewinnen geht. Stattdessen erhalte ich die Möglichkeit, mich konzentriert der Gedanken- und Gefühlswelt dieser mir wichtigen Person zu widmen. Und umgekehrt bekomme ich den Raum geschenkt, mich und was mir auf dem Herzen liegt auszudrücken. Manche Male war das Zwiegespräch einfach eine schöne Gelegenheit, sich gegenseitig von unserem Alltag zu erzählen; aber gerade bei Konflikten zeigte sich, wie wundervoll es helfen kann, einander zuzuhören anstatt hin und her zu streiten.

Das bedeutet nicht, dass plötzlich alles harmonisch zugeht! Im Gegenteil: wir müssen beim Zuhören aufkommende negative Gefühle aushalten, ohne sie direkt in Form von Widerrede dem Gegenüber entgegenzuschleudern. Wir lassen das Gesagte bis wir selbst an der Reihe sind einfach stehen – selbst wenn wir innerlich kochen, weil das Gesagte uns unfair vorkommt oder wir uns völlig missverstanden fühlen!
Dadurch geraten wir nämlich in keinen schnellen argumentativen Schlagabtausch, in dem wir aus Angst zu verlieren im Extremfall möglichst jeden einzelnen Punkt unseres Gegenübers abzuschmettern versuchen. Weniger mental-emotionale Defensive bedeutet mehr Möglichkeit für Offenheit, Eingeständnisse und Kompromisse. In einer Partnerschaft soll sowieso niemand verlieren.

Aus diesen Gründen ist es übrigens meistens sinnvoll, nach Ende der Stunde erst einmal etwas ganz anderes zu machen und sich selbst Zeit zu geben, das Gehörte zu verarbeiten – anstatt im Anschluss endlich doch in eine hitzig-streitende Diskussion einzusteigen.1Bevor jetzt wer denkt, dass wir immer so diszipliniert wären: nein, sind wir absolut nicht. Es wäre aber häufig eine gute Entscheidung gewesen. Selbst wenn weiterer Diskussionsbedarf besteht, weil ein Konflikt klarer an die Oberfläche getreten ist, aber noch keine Lösung entwickelt wurde; selbst wenn es sich irgendwie „unfertig“ anfühlt. Wenn beide das wollen, kann aber beispielsweise eine Verabredung getroffen werden, wann eine weitere Diskussion stattfinden soll.

Mit Anna probierte ich die Zwiegespräche übrigens auch immer wieder, was uns oft gut tat, aber es wurde zwischen uns irgendwie keine dauerhafte, regelmäßige Angelegenheit. Wichtiger wurde für uns als Familie dagegen eine Abwandlung dieses Konzepts.

Trigespräche und Familienabende

Jede Familie, bei der mehrere Elternteile sich Verantwortung für Kinder teilen, muss sich organisieren. Das gilt für polyamore Familien wie unsere noch einmal mehr, denn je mehr Personen an Absprachen und Entscheidungen beteiligt sind, umso komplizierter wird es womöglich und umso mehr Kommunikation muss stattfinden. Während wir kurze Fragen auch in einem Gruppenchat klären können, treffen wir uns einmal die Woche zu einem festen Termin zu einem Familienabend. Dort ist Gelegenheit, über Organisatorisches der kommenden Zeit zu sprechen und das Löwenkind verbringt so zumindest einen Abend in der Woche mit allen drei Mamis zusammen.

Ein fester Bestandteil unseres Familienabends ist das Trigespräch geworden. Ähnlich wie im Zwiegespräch darf jeweils eine Person für 10 Minuten sprechen, während die anderen nur zuhören. Nach jeder dieser Runden folgt eine freie Gesprächs-Phase, in der die zuvor Zuhörenden auf die gesagten Punkte Bezug nehmen dürfen, Nachfragen stellen können und oft auch bloß Mitgefühl ausdrücken. Dafür gibt es hier keine Wiederholungen – jede Person hat also nur einmalig 10 Minuten exklusive Sprechzeit. Wir haben die Wiederholungen durch das freie Reden ersetzt, weil ansonsten jede Person sich das Gesprochene von zwei Personen merken müsste, bevor sie selbst an der Reihe ist und darauf Bezug nehmen kann. Wir arbeiten noch daran, uns in dieser freien Phase ebenfalls möglichst kurz zu fassen – es ist nämlich durchaus anstrengend für die Kinder, wenn sich unser Gespräch in die Länge zieht und sie dadurch über längere Zeit am Stück weniger Aufmerksamkeit von uns bekommen.
Seit etwa einem halben Jahr nimmt übrigens auch Jonathan regelmäßig an diesen Gesprächen Teil; genau genommen ist es inzwischen also wohl ein Viergespräch.

Dieses regelmäßige Sprechen tut uns unglaublich gut. Wir kommen alle auf einen aktuellen Stand dessen, was sich bei den anderen jeweils gerade so tut; es ist genauso Raum für das Erzählen von schönen Gefühlen und Erlebnissen z.B. mit unserem Löwenkind, wie für unsere Alltagsprobleme, unangenehmen Gefühle, Zukunftssorgen und Konflikte miteinander. Wir beschäftigen uns mit dem, was uns jeweils akut wichtig ist und behalten uns gegenseitig im Blick. So bleiben wir einander verbunden.

Perspektivenwechsel

Die genannten speziellen Gesprächsformen sind natürlich nicht als Ersatz für jegliche Kommunikation zwischen uns gedacht; sie sorgen aber für eine stabile und wohlwollende Basis. Viele unserer Gespräche geschehen ganz gewöhnlich wie in anderen Familien ungeplant im Alltag; manchmal stellen wir zu einem Thema besonderen Diskussionsbedarf fest und verabreden uns für einen gesonderten Termin. Wir leben auch heute weit weg von perfekter Harmonie (in welcher Familie gibt es die schon?), aber haben viele unserer Probleme ganz gut in den Griff bekommen.

Von meinem anfänglichen „Ich packe das nicht“-Frust ist nicht mehr viel übrig; neben dem Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten hat sich auch eine hoffnungsvolle Einstellung zu meiner Familie entwickelt: „Wir schaffen das!“ Statt Zweifel und Unsicherheit steht in meinen Gedanken nun im Fokus, wie toll es ist, den anderen etwas zu ermöglichen.

Das habe ich im vergangenen halben Jahr immer wieder spüren können. Zum Beispiel wenn es darum ging, ob jemand von uns für ein paar Stunden oder Tage der Kinderbetreuung abkömmlich sein kann, um etwas Schönes unternehmen zu können – sei es ein romantisches Wochenende zu zweit oder eine Veranstaltung, die weit weg oder nicht kindergeeignet ist. Gerade ich reagierte früher oft initial zurückhaltend, hatte ein seltsam beschwertes Gefühl und wollte erst noch genauer abklären, ob ich das wirklichen leisten könnte. Inzwischen sind wir alle recht schnell bei einem „Plan du das ruhig mal, wir bekommen das schon irgendwie hin“. Wir denken immer seltener zuerst daran, was wir mit einer solchen Anfrage den anderen womöglich für Umstände machen könnten oder ob wir sie damit unverhältnismäßig belasten – stattdessen stellt sich eine zunehmende Sicherheit in dieser Familie ein, dass jede von uns schamlos nach schönen Dingen fragen kann. Ohne es vor diesem Blogpost je explizit so ausformuliert zu haben, hat sich die eingangs genannte Grundhaltung entwickelt.

Wir haben als Familie schon viele schwierige Situationen durchgemacht und mit dem geplanten Umzug nach Berlin diesen Sommer steht uns schon bald eine Mammutaufgabe bevor. Wir haben noch immer keinen festen Platz an einer freien Schule für Zauberrose, wir wissen noch immer nicht genau wo und wie wir wohnen werden, es ist noch völlig unklar wie wir zeitnah nach dem Umzug an einen KiTa-Platz kommen werden – und dennoch ist in mir ein hoffnungsvolles Gefühl, dass sich das alles irgendwie fügen wird.

Wo etwas nicht klappen sollte, werden wir eben improvisieren und neue Lösungen finden. Immer mit der Sicherheit im Hinterkopf: wir werden uns miteinander schon irgendwie ein schönes Leben bauen und uns weiterhin ermöglichen, nicht in einem Mangel, sondern in einer Fülle zu leben. Inklusive romantischer Dates, Wochenend-Verabredungen und aufregenden Events. We’re just that kind of family. 💖