Zauberrose und die Namensänderung

Als ich vor zwei Wochen Zauberrose in den Kindergarten brachte, gab es dort eine kurze Interaktion, die mich staunend zurückgelassen hat. Eigentlich nichts Großes: während sie ihre Jacke auszog, ging eine Erzieherin an ihr vorbei und begrüßte sie wortwörtlich mit: „Hallo Zauberrose!“

Plötzlich wurde mir klar, dass ich nicht die einzige Person in meiner Familie sein könnte, die in allen sozialen Umfeldern eine Namensänderung vollzogen hat. Während nämlich „Löwenkind“ auf diesem Blog ein Pseudonym ist, um die Privatsphäre unseres Kleinkinds zu wahren, ist „Zauberrose“ das tatsächlich nicht – obwohl viele Lesende das womöglich erwarten würden. Es ist auch kein Spitz- oder Kosename, sondern der echte, alltägliche Name der Fünfjährigen in meiner Familie.

Wie das zustande kam und was das mit meiner eigenen Namensänderung zu tun hat, möchte ich euch erzählen.

Warum ich meinen Namen ändern wollte

Wie ihr wisst, bin ich eine trans Frau. Im Rahmen meiner Transition machte ich mir 2016 viele Gedanken über meine Vornamen. Ich war in meinem näheren Umfeld und bei meinen Eltern bereits als Frau geoutet, nutzte aber dennoch weiter den gleichen Namen wie zuvor. Meine Eltern hatten mir nämlich einen geschlechtsneutralen Namen gegeben. Ich konnte ihn also weiterverwenden, ohne mich davon fälschlich als Mann bezeichnet zu fühlen.

Dazu hatte ich leider einen eindeutig männlichen1Namen haben an sich kein Geschlecht. Wenn ich in diesem Text Namen als männlich/weiblich bezeichne, meine ich damit, dass sie in Deutschland als männlich/weiblich gelten, weil sie hierzulande klar mit dem genannten Geschlecht assoziiert werden. zweiten Vornamen. Auch wenn diesen niemand für mich verwendete, störte mich sehr, dass sämtliche meiner amtlichen Dokumente ihn trugen. Das erschwerte massiv, wie frei ich mich im Alltag als Frau bewegen konnte. Schon alltägliche Dinge wie Fahrscheinkontrollen führten zu Irritationen, weil die kontrollierende Person eben einen männlichen Namen las, aber eine sich weiblich gebende Person vor sich sitzen sah – Erklärungsnot, Zwangsouting. Im schlimmsten Fall kann das bedeuten, dass trans Personen unterstellt wird kein gültiges Ticket zu haben, ihnen gedroht wird sie mit der Polizei aus dem Zug zu werfen – leider keine Übertreibung, sondern genau so schon passiert.

Auch wenn in den meisten Situationen gar nichts Schlimmes passierte, war das ein dauerhafter Stress- und Angstfaktor in meinem Alltag. Entsprechend groß war die Motivation, diesen männlichen Zweitnamen durch eine amtliche Namensänderung loszuwerden und durch einen eindeutig weiblichen zu ersetzen. Trans Personen in Deutschland müssen dafür leider wegen der völlig unangemessenen Gesetzeslage einen langwierigen und teuren Prozess durchlaufen, der vom Transsexuellengesetz (TSG) geregelt wird. Ich beschreibe den Ablauf und die Absurditäten dieses Gesetzes an anderer Stelle vielleicht mal genauer – unterm Strich hat es mich jedenfalls viel Wartezeit (über 10 Monate), Nerven und ca. 1500 Euro gekostet.

Mein Weg zu Maya

Wie sucht man sich aber nun einen neuen Namen aus, der sich passend anfühlt? Manche nutzen dazu, falls vorhanden, die „gegengeschlechtliche“ Varianten des bestehenden Namens – aus Janine wird Jan, aus Stefan wird Steffi. Andere fragen ihre Eltern, welche Namensauswahl sie getroffen hätten, wenn sie damals schon das richtige Geschlecht gekannt hätten – manche Eltern haben sich ja vor der Geburt sowohl weibliche als auch männliche Namen überlegt. Wieder andere überlegen ganz frei, was passen könnte.

Ich glaube, ich habe gar nicht lange nachdenken müssen. Ich fand meinen neuen Namen durch die Erinnerung an eine häufige Situation aus meiner Kindheit. Meine Mutter hatte damals Schwierigkeiten, mich und meinen Bruder auseinanderzuhalten, wenn sie nach mir rief. Sie setzte mit der ersten Silbe meines Namens an, war dann kurz verwirrt und sprach die ersten Silbe des Namens meines Bruders, um sich dann mental zu fangen und mich tatsächlich bei meinem Namen zu nennen.

Die erste Silbe meines alten Namens lautet „Ma“. Der Name meines Bruders beginnt mit „Ya“. Ganz unbewusst hatte mich meine Mutter also schon in meiner Kindheit mit dem Namen „Maya“ gerufen! Mehr als 15 Jahre später nahm ich diesen tatsächlich für mich an.

Gewöhnung an den neuen Namen

Den mir vertrauten Menschen war es lange Zeit freigestellt, welchen meiner Namen sie für mich nutzen wollten. Denn mein bisheriger, geschlechsneutraler Name fühlte sich weiterhin nicht falsch an. Im Gegenteil: ich war selbst über Jahrzehnte daran gewöhnt und fand es zunächst etwas merkwürdig, wenn ich nun Maya genannt wurde. Ich war zudem regelrecht schüchtern und wollte von niemandem einfordern, sich umgewöhnen zu müssen – vielleicht würde ich mich ja noch anders entscheiden? So blieb mein Umfeld überwiegend beim alten Namen.

Es war bedeutend einfacher, mich neuen Kontakten als Maya vorzustellen. Das fiel mir besonders im Rahmen meiner werdenden Mutterschaft auf: bei den Hebammen, im Geburtsvorbereitungskurs und später in Krabbelgruppen nutzte ich durchgängig den neuen Namen. So konnte ich ihn ausprobieren – und spürte, wie gut er mir tat. Mit dem Namen Maya begegnete ich keiner Irritation oder Unsicherheit über mein Geschlecht mehr, sondern wurde offenbar ganz eindeutig als Frau gesehen und verstanden. Das löste wunderschöne geschlechtliche Euphorie aus. Je mehr ich mich an mein neues Leben als Mutter gewöhnte und in diese Rolle hineinwuchs, umso alltäglicher wurde es für mich, Maya zu sein.

Ich erklärte schließlich den Januar 2018 zum Experiment. Es war schön, dass mich nun so einige Leute Maya nannten, aber wie würde es sich anfühlen, wenn es alle tun würden? Würde es immer noch seltsam erscheinen, wenn auch langjährigen Partnerpersonen, Freund*innen und Verwandte mich so bezeichnen würden? Ich bat die mir vertrauten Menschen also, einen Monat lang ausschließlich den neuen Namen für mich zu benutzen.

Das Experiment war ein voller Erfolg und wurde auf unbestimmte Zeit fortgesetzt. Seit einem Jahr bin ich in allen Lebensbereichen einfach nur noch Maya. Ich habe mich so sehr daran gewöhnt, dass es mich völlig irritiert, wenn ich doch mal mit meinem alten Namen angesprochen werde. Er ist zu einem so gut wie nie genutzten Zweitnamen geworden, der in meinem Alltag kaum Bedeutung mehr hat.

Darf ich das auch?

Zauberrose und ich kennen uns, seit sie auf der Welt ist. Sie hat mich daher noch unter meinem alten Namen kennen gelernt. Als ich vor einem Jahr den festen Schritt zu „Maya“ machte, war das für sie genauso eine Umgewöhnung wie für viele andere nahe Menschen.

Sie fand das erst komisch. Sie hatte ja nie zuvor davon gehört, dass man den Vornamen ändern kann. Wir versuchten natürlich ihr zu erklären, dass meine Namensänderung ein Teil meiner Transition ist, die sie ohnehin seit Jahren mitbekommt. So interessant fand sie diese Erklärung glaube ich nicht, aber sie verstand durchaus, dass es mir sehr wichtig war, in Zukunft nur noch „Maya“ genannt zu werden.

Spannend war für sie dagegen, dass Menschen nicht fest an den ihnen zugewiesenen Namen gebunden sind. Es gab also Personen wie mich, die sich einen neuen Namen gaben, den fortan alle verwenden sollten. Nicht wie wenn sie spielte und dabei verschiedene Figuren erfand, die mit Fantasienamen gerufen wurden – sondern in echt, im Alltag, dauerhaft. Sie bekam mit, dass das nahe Umfeld dies akzeptierte und sich redliche Mühe gab, mich auch wirklich immer so zu nennen. Sie spürte, dass dies auch von ihr erwünscht wurde.

Dürfte sie das auch – sich einfach einen neuen Namen geben? Und würde das ihr Umfeld genauso unterstützen und ernst nehmen wie bei mir?

Der Name der Rose

Natürlich darf sie das auch! Es ist kein Sonderrecht von trans Personen, neue Namen auszuprobieren und zu überlegen, ob sich vielleicht auch dauerhaft einer von ihnen besser anfühlt als der bisherige. Ein Name ist genauso wie ein Pronomen ein sprachlicher Ausdruck unserer Identität. Ich gestehe einen Wechsel zu etwas Passenderem allen Menschen zu, egal ob sie trans oder cis sind.

Bei Kindern finde ich es noch einmal wichtiger, ihnen das zu ermöglichen. Wir können nicht von außen feststellen, zu was für einer Person sich ein Kind entwickeln wird. Wir können es nur darin bestärken, sich auszuprobieren, die eigene Identität zu finden und sie uns mitzuteilen.

Zauberrose war neugierig. Sie begann, sich neue Namen auszudenken und bat zunächst nur einzelne Personen, sie so zu nennen. Die von ihr ausgesuchten Namen waren keine bürgerlichen Namen, sondern selbst erdachte. Ihr Schema dabei waren Bezeichnungen für süße Dinge, Wesen oder Konzepte, die sie mag – teils kombiniert, so im Stil von „Honigkuchenpferdchen“. Das brachte eine ganz eigene Herausforderung mit sich, denn sagt mal einen solchen Namen verärgert oder im Streit zu einem Kind… irgendwie schwierig, sich dann mit dem eigenen sauer sein nicht etwas albern vorzukommen.

Obwohl sie erst fünf Jahre alt ist, war sie erstaunlich beständig mit den selbst gewählten Namen. Der erste hielt etwa einen Monat, der zweite bereits ein halbes Jahr, danach erst folgte „Zauberrose“. Anfangs forderte sie diese Namen kaum von anderen Menschen ein und reagierte auf das Thema recht schüchtern und ausweichend. So bekam ich erst den falschen Eindruck, dass es ihr nicht so wichtig wäre. Ich dachte, dass es lediglich süße Kosenamen sein sollten und vor allem Anna sie so nennen sollte. Heute glaube ich, dass es gegenüber ihrer Mutter schlicht einfacher war, diesen Wunsch zu äußern – während es bei weniger vertrauten Menschen mehr Überwindung und Energie kostete.

Dass es bei ihrem dritten Versuch anders sein würde, spürte ich zum ersten Mal Ende November. Ich erklärte ihr, dass ich im Internet von unserer Familie erzählen möchte. Da würden ganz viele Menschen über uns lesen können, die wir nicht kennen. Ich fragte sie, wie sie auf diesem Blog genannt werden möchte. Da rief sie sofort mit leuchtenden Augen: „Zauberrose!“ 🌹

Sie stellt sich seitdem ganz selbstverständlich als Zauberrose vor, wenn sie neue Menschen kennenlernt. Aber sie wünscht sich auch von denen, die sie bereits kennen, dass sie diesen Namen sagen und teilt ihnen das nun auch selbst mit. Darum war der oben beschriebene Moment im Kindergarten für mich so krass: niemand von uns Erwachsenen hat die Menschen dort je darüber informiert, dass sie jetzt Zauberrose heißt. Sie hat das ganz allein gemacht. Mit fünf! Ich bin schwer beeindruckt, dass dieses Kind sich so behauptet.

Ich spüre, dass der neue Name ihr große Euphorie bereitet. Ich habe den Eindruck, dass sie damit ihre Identität ausdrückt – und sie sich damit als die Person, die sie ist, gesehen fühlt. Kommt mir ja bekannt vor, dieses Gefühl… ❤️

Deine Identität bestimmst du!

Als ich die Situation im Kindergarten reflektierte und im Nachgang auch ein paar schöne Gespräche mit Zauberrose über ihr Namens-Thema hatte, fiel mir zum ersten Mal die Ähnlichkeit der Prozesse auf, durch die sie und ich gegangen waren.

Sie suchte sich einen neuen Namen, der sich für sie besser anfühlt. Sie wollte nicht direkt von allen so genannt werden, sondern sich erst ausprobieren. Ihrem Umfeld überließ sie lange Zeit beide Optionen und äußerte nur gegenüber Einzelnen klare Präferenzen. Es fiel ihr leichter, sich neuen Menschen gegenüber direkt als Zauberrose vorzustellen. Sie erlebte dadurch, wie schön es sich anfühlte, ganz selbstverständlich so genannt zu werden. Dadurch bestärkt fordert sie inzwischen auch zunehmend von Altbekannten ein, sie so zu nennen.

Diese vielen Parallelen verblüffen mich noch immer. Ich habe vor einem Jahr noch überhaupt nicht erahnen können, dass meine Transition mitzuerleben auch bei ihr eine neue Namensfindung anstoßen würde. Es ist wunderschön, diese Erfahrungen mit Zauberrose zu teilen und mich ihr darüber verbunden zu fühlen.

Ich habe in den letzten Tagen noch viel darüber nachgedacht, wie unterschiedlich unsere Namensänderungen vom überwiegend gleichen sozialen Umfeld behandelt wurden. Natürlich: im Rahmen einer geschlechtlichen Transition den Namen zu ändern, hat erkennbar ein großes Gewicht. Ich wählte meinen neuen Namen ja nicht bloß, weil er mir besser gefiel – sondern um auch auf dieser Ebene als Frau erkennbar zu sein. Aber ich finde es trotzdem unfair, dass sie für ihre neuen Namen deutlich weniger soziale Unterstützung erfahren hat als ich. Wenn sie mich beim alten Namen nannte, wurde sie von den Erwachsenen immer wieder korrigiert, um ihr bei der Umgewöhnung zu helfen. Das entlastete mich davon, das jedes Mal selbst tun zu müssen. Diese Art von Unterstützung erfährt sie bisher nicht: es bleibt ihr selbst überlassen, „Zauberrose“ für sich einzufordern. Ich möchte mit ihr das Gespräch suchen und herausfinden: würde sie sich freuen, wenn wir anderen gegenüber ihren alten Namen auf „Zauberrose“ korrigieren? Oder wäre es ihr womöglich sogar unangenehm, wenn wir uns da einmischen?

In jedem Fall kann ich ihr Mut machen, sich weiter zu behaupten. Denn leider verstehen viele Menschen noch nicht, wie wichtig ihr der neue Name ist, zum Beispiel viele ihrer Freund*innen im Kindergarten. Als sie vor ein paar Tagen in einer ähnlichen Situation wie der eingangs beschriebenen von einer Erzieherin bei ihrem alten Namen genannt wurde, wandte sie sich mit enttäuschtem Blick zu mir: „Die hat <alter Name> gesagt…“ Wir sprachen offen miteinander darüber, dass sich das nicht gut anfühlte. Ich bekräftigte sie, dass Zauberrose genannt werden zu wollen nicht zu viel verlangt sei und sie andere Menschen ruhig immer wieder korrigieren dürfe. Genau wie wir sie bei meinem Namen korrigiert hatten, würde das schließlich helfen, sich umzugewöhnen.

Ich möchte sie auch weiterhin darin bestärken, ihre Identität zu äußern und deren Akzeptanz anderen gegenüber durchzusetzen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das leider auch auf Widerstände stoßen kann. Für manche Menschen ist es einfach ungewohnt; einige wollen uns sogar regelrecht aufdrücken, wer wir sein dürfen. Nicht immer haben wir die Kraft, uns gegen solche Fremdbestimmungen unserer Identität zu wehren. Aber es gibt kein richtiges Leben im falschen. Vielleicht kann ich ihr dabei ein Vorbild sein und ihr Mut machen: es lohnt sich, für ein authentisches Leben zu kämpfen.